So sah es in meinen Kindertagen um 1900 in Steinfurth aus
Erinnerungen von Paula Eichelmann (+)

Von Nauheim kommend war das erste Haus das von Schultheis. Rechts war eine Hecke, davor ein Graben, der bei einem Wolkenbruch ganz schön anschwoll, und das Wasser zur Wetter leitete. Hinter der Hecke waren Äcker und ein Weg zweigte von der Hauptstraße ab zu den Wiesen. An der Straße nach Wisselsheim, an der Kreuzung war ein Garten, der zur Schule gehörte. Über den schon erwähnten Graben lag ein Brett und man konnte darüber in den Garten gelangen. Wir Kinder sprangen natürlich im Sommer auch schon mal über den Graben, denn oft wurden wir zum Johannesbeeren pflücken dahin geschickt.

An der gegenüberliegenden Seite lag der Steckgarten. Dieser wurde von der Rosenfirma Schultheis mit Rosen angelegt und von manchen Kurgästen aus Nauheim besucht. Er war auch schon verhältnismäßig groß, hatte er doch eine Länge von dem Hofgut (damals Brückmann) bis zur Feldgartenstraße und auch ebenso breit bis oben zur Södelerstraße hin.

Auf dieser Seite an der Hauptstraße war das Hofgut das erste Haus. Nun durch die Hauptstraße. Da waren links noch mehrere kleine Häuser und eine Mühle (Schudt). An der Straße stand eine lange Scheune mit einem breiten Torbogen in der Mitte versehen und es sah aus wie der Eingang in einen Burghof. Neben der Scheune wurden früher die Pferde durch den jetzt noch vorhandenen Pfad (Tränkgasse) in die Wetter zur Schwemme geritten. Hauptsächlich waren es die Pferde der Hofgüter. Lagen doch an der Hauptstraße allein drei große Höfe: Brückmann, Schudt und Reif, letztere wo heute die neu erbaute Spar- und Darlehenskasse ist. Anschließend zur Mühle ist das Löwsche Schloß, damals noch sehr feudal. Daran anschließend Kirche und Pfarrhaus. Durch diese großen Anwesen machte das Dorf schon damals einen schönen Eindruck!

Herrenhaus von Löw mit Blick auf den Mühlhof, Einfahrt mit Torbogen
kolorierte Postkarte um 1900
Blick auf das Herrenhaus von Löw, Postkarte um 1900

Die Hauptstraße hörte rechts bei dem alten Haus von Schuster Diehl (Nr. 90) auf, links bei Walter (Nr. 87), das aber noch nicht lange stand. Mittelstraße (Hintergasse) und Neugasse waren noch so wie heute, nur mussten manche alten Häuschen Neuen weichen. In der Schulstraße führte links eine Hecke von der Hauptstraße kommend bis zu dem Haus von „Litzelbäuersch“ (Nr. 15). Rechts war der Friedhof, der erst einen Eingang von unten hatte, aber nun ist er an der Hauptstraße bebaut und in der Schulstraße in Gärten aufgeteilt. Durch die Schulstraße zog sich auch ein Graben, der ebenfalls das Regenwasser durch die Neugasse zur Wetter führte. Da wo die drei Häuser von Reuter, Jöckel und Burkhard (Nr. 18, 20 und 22) stehen, war der alte Friedhof, dann kamen die Gärten, die den Bewohnern der Mittelstraße (Hintergasse) gehörten und auch mit Stegen über den Graben führten.

Der freie Platz auf der Oberpforte wurde und wird noch heute von fünf schönen, stattlichen Gebäuden begrenzt. In der Södelerstraße war rechts nur das Haus von Rosenbecker damals, jetzt Hartmann (an der Stelle wo heute Könemann ist), das langgestreckt, mit anschließendem Garten bis zum Steckgarten reichte. Umsäumt mit einer Hecke, die um den ganzen Steckgarten bis zur Wisselsheimer Straße (Zum Sauerbrunnen) führte. Links auf der Södelerstraße standen fünf Häuser: Michel, Bechtold, Schwegler, Steinhauer und Huber (heute Volp). Am freien Platz an der Oberpforte steht das heutige Rathaus (heute Rosenmuseum). Dieses ist in früheren Jahren eine Oberförsterei mit Scheune und Garten gewesen und konnte sich sicher mit den großen Gütern messen, denn es führte bis zum Hause Stein (Schulstraße 3). Genau wie die Wirtschaft Hartmann und Schudt, jetzt Huber, und wie schon einmal erwähnt hat der Platz dadurch einen stattlichen Eindruck gemacht.

Die Oberförsterei wurde später eine Lehrerwohnung, die Scheune abgerissen, eine Schule (Vereinstreff) und Lehrerwohnung erbaut. Links am Eingang der Schulstraße war ebenfalls eine Schule und Lehrerwohnung, die bis zur Mittelstraße führte. Das Eckhaus (Oberpforte 8, Ecke Hintergasse) wurde in den neunziger Jahren zur Hälfte an die Gärtnerei Schultheis verkauft, der dort seine Gehilfen unterbrachte. 1894 wurde es mein Elternhaus und mein Vater richtete dort sein Textilgeschäft ein. Klein, aber zufrieden, lebten sie da und wir hatten eine schöne, sorgenfreie Jugend.